Vier Minuten Nicht-und-dann-doch-Meister

MeisterschaleEs gibt viele Geschichten rund um den FC Bayern München, die fest in meiner Erinnerung verdrahtet sind. Eine davon ist zweifellos eine Meisterschaft, die bereits verloren geglaubt war, um dann tausend Mal süßer und köstlicher zu schmecken als viele Meisterschaften, die vorher stattgefunden hatten und danach noch kamen.

Der geneigte Fan weiß natürlich, wovon ich rede. Es handelt sich um die Deutsche Fußballmeisterschaft der Spielsaison 2000/2001, die innerhalb von vier Minuten zweimal komplett kippte, sodass Menschen mit einem schwachen Herzen durchaus gefährdet waren. Ich kann es nicht genau sagen, aber sicherlich war dieses „Finale Furioso“ für den ein oder anderen Zeitgenossen zu viel des Guten.

Ich habe dieses unfassbare Endspiel um die Meisterschaft, das ja auf zwei verschiedenen Plätzen stattfand, mit meinem Bruder erlebt. Und zwar vor dem Radio in der Live-Konferenz. Warum wir es nicht in einer der zahlreichen Kneipen mit Premiere-Fernsehanschluss gesehen haben, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur, dass diese Radiosportübertragung das Spannendste war, was ich bis dahin erlebt hatte. Es war nur schwer auszuhalten!

Denn eigentlich war die Meisterschaft für die Bayern vor dem Anpfiff eine „gemahte Wies’n“, wie man in Bayern sagt, da den Münchnern ein einziger Punkt reichte, um vor den zweiplatzierten Schalkern als Erster durchs Ziel zu laufen. Und bis zur 90. Minute sah auch alles wie geplant aus. Tja, bis zu dem Moment, als ein gewisser Herr Barbarez meinte, er müsse den Bayern die Meisterschaft vermiesen und das eins zu null schießen.

Alle waren fassungslos: die Spieler, die Verantwortlichen des FCB, die Auswechselspieler, das Stadion, mein Bruder, ich, alle eben. Ich lag zusammengesunken auf dem Boden, ungläubig dessen, was da gerade passiert war. Aber ich wusste in diesem Moment nicht, dass es noch viel unfassbarer werden sollte.

Die Schalker hatten ihr Spiel zu diesem Zeitpunkt bereits gegen Unterhaching gewonnen, wenn auch mit anfänglicher Mühe. Also waren sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich Meister, was niemand für möglich gehalten hatte. Schließlich warten die Blauen bereits seit 1958 auf den größten Erfolg, den man national erzielen kann. Und alle in Gelsenkirchen feierten bereits dieses historische Ereignis. Weil ihnen ein ganz schlauer Reporter gesteckt hatte, dass das Spiel in Hamburg zu Ende war und der HSV 1:0 gewonnen hatte.

Das Dumme war nur: In Hamburg wurde noch gespielt, und dann bekamen die Bayern tatsächlich noch diese allerletzte Chance, die der HSV-Keeper Schober (lustigerweise war er zu diesem Zeitpunkt Noch-Schalker, und zwar auf Leihbasis) mit seiner Aufnahme eines Rückpasses überhaupt erst ermöglichte.

Patrik Andersson
Patrik Andersson

Da lag also dieser Ball rund elf Meter vom Hamburger Tor entfernt, und alle, alle waren im Strafraum versammelt. Selbst Oliver Kahn tigerte dort herum (heute gäb es eine gelbe Karte dafür). Natürlich lautete die zentrale Frage: Wer schießt?

Die Wahl fiel auf Patrik Andersson, einen Verteidiger mit schwedischen Wurzeln, der später zum FC Barcelona verschwand und dort nicht so richtig glücklich wurde. Aber in diesem Moment war er der richtige Mann für die alles entscheidende Aktion. Er lief also an und zimmert die Pille mit dem Innenrist an der Hamburger Mauer ins Tor! Was eigentlich gar nicht möglich war, denn da waren so viele Beine im Weg, dass man sich heute noch fragen muss: Wie war das überhaupt möglich?!

Aber es war möglich, und so sprangen mein Bruder und ich auf, voll mit Adrenalin, und schrieen uns das Glück von der Seele! Und das, obwohl wir gar nicht gesehen, sondern nur gehört hatten, was gerade passiert war. Aber das reichte für eine Explosion, wie sie in einem Fußball-Fan-Leben wohl nur ein paar Mal vorkommt. Ich glaube, es ist sogar ein wenig Putz von der Decke gefallen.

Na ja, der Rest war Glück pur. Zugegeben, nicht für alle. Denn im knapp 570 Kilometer entfernten Schalker Parkstadion ging die Welt unter und tausende von Träumen wurden jäh von einem einzigen Tor zerstört. Das war der Tag, an dem der Begriff „Meister der Herzen“ erfunden wurde. Also, mir reichte „Meister 2000/2001“ vollkommen!

Videotipp: Das folgende Zeitdokument löst in mir immer noch größte Glücksgefühle und Tonnen von Gänsehaut aus. Zuschauen und genießen!

Michael Hülskötter

Ich bin Blogger und Fußballfan, und beides aus Leidenschaft. Genau aus diesem Grund ist das Blog entstanden, denn ich will endlich auch mal über Fußball schreiben. Und zwar so, wie es mir gefällt.

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